Zur Notwendigkeit von Machtsensibilität bei Sozialarbeiter*innen – Handlungspraktische Empfehlungen aus der Psychologie und der Pädagogik zur partizipativen Machtanwendung

Datum u. Ort

05.09.2018 - 17:15 bis 18:45

max. Teilnehmer*innen: 120

Raum: E3

Referent*innen

- Dr. des. Melanie Misamer

Über die Referent*innen:

− Dr. des. Melanie Misamer, Mitglied der DGSA

Form

Vortrag

Einzelbeitrag 1,5-stündig

Thema

Solidarität – Gerechtigkeit – Emanzipation: Soziale Arbeit mischt sich ein

Schlagworte

Soziale Arbeit und Ethik | Professionalität | Beratung

Machtsensibilität beschreibt eine konstitutive Empfindsamkeit gegenüber der Machtanwendung. Eine Voraussetzung zur Entwicklung von Machtsensibilität bei Sozialarbeiter*innen gegenüber ihren Klient*innen ist zum einen die Entwicklung eines Bewusstseins über Machtdynamiken. Wie über die Situationsspezifität eines Machtstatus oder über die divergierende Wahrnehmung von Machtausübung (je nach Blickwinkel, ob die machtanwendende Person betrachtet oder die Person auf die Macht angewendet wird, Witte, 2001; Dilthey & Drescher, 2006). Zum anderen ist ein Wissen über Machtmechanismen wichtig. Wie über dynamische Prozesse, die ablaufen. Gemeint sind mögliche Fallstricke der Machtanwendung (Russell, 1947), Korrumpierungsautomatismen (z.B. Kipnis, 1972; Mitchell, Hopper, Daniels, Falfy & Ferris, 1998; Scholl, 2012) und das Eigenwirkpotenzial von Macht bereits vor der Anwendung (Keltner, Gruenfeld & Andersen, 2003). Auf einer solchen Basis kann eine Machtsensibilität entwickelt und im Weiteren aktiv und zielführend auf Klient*innen eingewirkt werden. Zusammenfassend können durch machtsensible Lehrkräftehandlungsweisen gegenüber Klient*innen restriktive (machtmissbräuchliche) Strukturen und Muster frühzeitig wahrgenommen und (wenn nötig selbstkorrektiv) partizipative Strategien wie konfliktlösende, vertrauens- und gerechtigkeitsfördernde Handlungsweisen angewendet werden. Machtanwendung ist ein in der Literatur genanntes, aber in ihrer Wirkung unterschätztes Element professionellen Handelns. Es ist ein differenzierter Blick auf die Machtanwendung ‒ nicht ausschließlich in ihrer gemeinhin negativen Konnotation (Weber, 1972) ‒ sinnvoll. Macht kann als neutrales Potenzial verstanden werden, das sich zunächst im „Vermögen […] auf das Verhalten anderer Einfluss zu nehmen“ (Argyle, 1990, S. 248) zeigt. Erst in der Anwendung differenziert sie sich in ein Spektrum aus positiven und negativen Handlungsoptionen (Scholl, 1999). Positiv kann sie partizipativ, im Sinne z.B. der berufsethischen Prinzipien der DBSH und dementsprechend emanzipatorisch zum Nutzen der Klient*innen sein. Möglich sind aber auch negative Handlungsweisen, die restriktiv und damit pädagogisch nicht professionell sind (Misamer, Hackbart & Thies, 2017). Aufgrund vorliegender unterschiedlicher Einschätzungen des Selbst- und Fremdbildes bezogen auf das Machthandeln (das eigene Machthandeln wird positiver eingeschätzt, als es durch die Personen eingeschätzt wird, auf die die Macht ausgeübt wird, Witte, 2001), wird in diesem Beitrag für die Stärkung von Machtsensibilität und aktiv partizipativem Sozialarbeiter*innenhandeln plädiert. Unter Berücksichtigung psychologischer Wahrnehmungsverzerrungen (wie Attributionsprozesse oder Auswirkungen hoher/niedriger Machtpotenziale) wird argumentiert, dass eine Machtsensibilisierung angezeigt ist. Sie empfiehlt sich nicht zuletzt, weil Machtstreben als ein menschlicher Wesenszug anzusehen ist (Russell, 1947; Scholl, 2007). Ergänzende objektivierte Einflüsse und Regularien (z.B. die berufsethischen Richtlinien der DBSH) sollten die Machtanwendung in Richtung partizipativer Handlungsoptionen beeinflussen und präventiv gegen Machtmissbrauch wirken (zu objektivierten Einflüssen, Nickel, 1985; zu Regularien, Scholl, 2007b, 2012 für den organisationalen Kontext). Macht ist demnach ein Instrument, das idealerweise an Regularien geknüpft ist und zur Ermächtigung, Förderung und Befähigung beitragen soll (Dorst, 2000).