Einzelbeitragsforum Erwachsene in enger Begleitung durch die Soziale Arbeit

Datum u. Ort

06.09.2018 - 09:15 bis 10:45

max. Teilnehmer*innen: 20

Raum: B238

Referent*innen

- Wolfgang Stadel
- Josephina Schmidt M.A.

Über die Referent*innen:

1. Einzelbeitrag − Wolfgang Stadel (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fulda)
2. Einzelbeitrag − Josephina Schmidt, M.A. (Doktorandin, Eberhard Karls Universität Tübingen)

Form

Einzelbeitragsforum

Einzelbeitragsforum

Thema

Lebensform – Differenzen – Fallkonstruktion: Soziale Arbeit normalisiert

Schlagworte

Teilhabe | Sozialpsychiatrie | Genderstudies | Alter

1. Einzelbeitrag - Stadel. Mit "geistiger Behinderung" alt werden - Vorstellungen und Befürchtungen aus der Betroffenenperspektive: Die "Pioniergeneration" an Menschen mit sog. „geistiger Behinderung“ erreicht das Rentenalter. Der 7. Altenbericht fasst zusammen, dass dieser Personenkreis vielfältigen Risiken ausgesetzt ist. Die traditionelle Behindertenhilfe hat - nicht zuletzt angeregt durch die UN-BRK - damit begonnen, Hilfsangebote für Menschen mit „geistiger Behinderung“ zu planen und zu entwickeln. Allerdings, so lässt sich feststellen, ohne oder nur mit wenig Beteiligung der eigentlich betroffenen Personen. In einer qualit. Untersuchung soll herausgefunden werden, wie der oben benannte Personenkreis, sich das eigene Alter vorstellt und welche Maßnahmen getroffen werden müssten, damit die betroffenen Personen die Deutungshoheit über die Gestaltung ihres eigenen Lebens mit zunehmenden Alter gewinnen bzw. erhalten. Um Ansatzpunkte im Sinne einer Sozialraumentwicklung zu erhalten, werden erzählgenerierende leitfadengestützte Interviews durchgeführt und mit der dokumentarischen Methode ausgewertet. Erste Auswertungen zeigen, dass gerade Personen, die sich in ihrem Lebensverlauf schon einmal von einer umfassenden Fremdbestimmung distanzieren konnten, große Widerstände bei der Vorstellung entwickeln, sich auch im Alter wieder in Abhängigkeiten zu begeben. Diesen Personenkreis zu unterstützen, stellt für die Soziale Arbeit eine neue Aufgabe und Herausforderung in einem alten Arbeitsfeld dar. Denn bislang ist hier die Soziale Arbeit an diversen Normierungsprozessen aktiv beteiligt.

2. Einzelbeitrag - Schmidt. Soziale Arbeit mit Frauen in sozialpsychiatrischen Wohnheimen - Einblicke in ein Promotionsprojekt: Soziale Arbeit als Akteurin zwischen pädagogischer Entlastung der Sozialpolitik und dem zivilgesellschaftlichen Potential zur kritischen Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse (vgl. Eichinger 2009) verstehend, gehe ich mit dem Promotionsprojekt der Frage nach „Wie werden Frauen zu Fällen ‚chronisch psychisch Kranker‘ in stationären Einrichtungen der Sozialpsychiatrie?“ und rekonstruiere dafür Interviews mit Frauen in Wohnheimen und ihren Bezugsmitarbeiter*innen sowie weitere Dokumente. Mit einem praxeologischen Zugang zum Spannungsverhältnis der Akteur*innen zwischen dem sozialen Feld, als objektive Strukturen, und dem Habitus, als einverleibter Struktur in der Geschichtlichkeit des Subjektes, soll verstanden werden, wie die gemeinsame Herstellung eines Falls der Sozialen Arbeit strukturiert ist, welche emanzipatorischen Anteile darin liegen und wie die Inkorporiertheit gesellschaftlicher Ungleichheiten und Machtverhältnisse die Marginalisierung von Frauen reproduzieren kann. Eine aktuelle Analyse zum Thema ist vor dem von Herrschaft und Gewalt geprägten historischen Hintergrund der Sozialpsychiatrie und der Beteiligung Sozialer Arbeit darin notwendig. Die unreflektierte Übernahme des wieder erstarkten biologistisch-deterministischen Diskurses der Psychiatrie und ideologiegeladener „Zauberwörter“ (vgl. Borst 2015) lassen die soziale Konstruktion von Abweichungen und die herrschaftssichernde Funktion sozialpsychiatrischer Institutionen häufig außer Acht. Andererseits besteht die Gefahr die Vulnerabilität und Bedürftigkeit der betroffenen Frauen zu negieren. An der Praxis mit „chronisch psychisch kranken“ Menschen, die in Wohnheimen leben und mit denen ein Wohnen außerhalb dieser kaum geplant ist, müssen sich, nach einer anthropologischen Psychiatrie (vgl. Dörner 2006), professionelle Bezugspunkte der Sozialpsychiatrie beweisen. Innerhalb dieser Zielgruppe möchte ich konkreter auf Frauen eingehen, da Frauen in der Psychiatrie historisch kontinuierlich ungleich behandelt werden und eine besonders vulnerable Gruppe sind (vgl. BMFSFJ 2014). Dieses Sample drückt daher die ins Subjekt verlagerten gesellschaftlichen Widersprüche sowie das Leiden daran besonders aus, was wiederum für Soziale Arbeit mit verschiedenen Adressat*innen relevante Erkenntnisse bringen kann. In meinem Einzelbeitrag möchte ich vorläufige Ideen aus dem laufenden Promotionsprojekt vorstellen, um auf das Thema aufmerksam zu machen und erste Diskussionen mit interessierten Sozialarbeiter*innen zu führen. Dementsprechend würde ich mit meinen Überlegungen einleiten, wie man Psychiatriekritik und feministische Kritik in der Sozialen Arbeit zusammendenken könnte und dann einen Überblick über mein Forschungsthema und Forschungsdesign geben. Daraufhin würde ich erste Fallskizzen und Ideen aus den Interviews vorstellen, um mit den Anwesenden dann in eine Diskussion um reflexive Professionalität in dem Bereich zu treten.