Einzelbeitragsforum zur Wohnungslosenhilfe

Datum u. Ort

07.09.2018 - 09:15 bis 10:45

max. Teilnehmer*innen: 36

Raum: B240

Referent*innen

- Athanasios Tsirikiotis
- Hannah Obert

Über die Referent*innen:

1. Einzelbeitrag − Athanasios Tsirikiotis, Doktorand an der Universität Flensburg, Sozialarbeiter in der Wohnungsnotfallhilfe (Ambulante Hilfe Stuttgart), Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Hochschule Esslingen.
2. Einzelbeitrag − Hannah Obert (Universität Duisburg-Essen)

Form

Einzelbeitragsforum

Einzelbeitragsforum

Thema

Lebensform – Differenzen – Fallkonstruktion: Soziale Arbeit normalisiert

Schlagworte

Sexualpädagogik | Empirie | Wohnungslosenhilfe | Adressat*innen

1. Einzelbeitrag - Tsirikiotis. Autonomie, Biografie, Wohnungslosigkeit. Einblick in das Dissertationsprojekt »Subjektivierung in der Wohnungsnotfallhilfe«: Das Soziale ist nicht zeitlos, sondern stets auch konkrete, historisch gewordene Gesellschaftsformation. Diese wiederum ist selbst kein ausschließlich kontingentes Gebilde, sondern auch Ausdruck von Versuchen der Re-Produktion ihrer selbst und der darin eingeschliffenen gesellschaftlichen Stratifizierung (Marx), vorläufiger Zwischenstand gesellschaftlicher Kämpfe um Macht (Foucault) und Anerkennung (Honneth) und auch Knotenpunkt diverser Pfade der Bearbeitung anthropologischer Konstanten, z.B. der Auseinandersetzung mit dem Wissen um die eigene Sterblichkeit (Oevermann), dem Erschrecken über die Welt und sich selber (Böhme, Lacan). Lebenspraxis agiert vor diesem Hintergrund und angesichts der Verteilung und Zugänglichkeit von – ökonomischen, sozialen, kulturellen usw. – Ressourcen; Verhältnisse schreiben sich in die Individuen ein, diese subjektivieren sich und werden subjektiviert (Althusser). Lebenspraxen formen individuelle Identitätsprojekte (Keupp) und greifen darin allgemeine – ideologisch verwobene – Traditionen und Praxen der Genese von Lebenssinn auf. Darin suchen Subjekte innerhalb ihrer begrenzten lebenszeitlichen Ressourcen mit dem Wissen um Kontingenz, Endlichkeit und Fragilität (Lacan) umzugehen. Die Vermittlungstätigkeit der Lebenspraxis scheint an den vorläufigen Figuren von Selbst- und Weltverhältnissen (Koller, Kokemohr) auf, als Bestrebung in ihnen Autonomiepotenziale zu formieren, die, sich an der suggestiven Evidenz normativer Zielentwürfe bürgerlicher Subjektivität orientierend, Aussicht auf gelingende Bewährung versprechen. An den Bruchstellen dieser Bearbeitung heutiger Normalität (Thiersch), also an den Krisen bei der Beteiligung an zentralen Institutionen der (Re-)Produktion von Gesellschaft und Subjekt – Elternschaft, Partnerschaft, Erwerbsarbeit und Gemeinwesen (Oevermann) – und verunmöglichter (Wieder-)Herstellung der Autonomiepotenziale der Subjekte, konstruiert Soziale Arbeit in der Wohnungsnotfallhilfe ihre Angebote und adressiert Personen in besonderen Lebensverhältnissen und sozialen Schwierigkeiten (§§ 67 ff. SGB XII). Die Angebote der Wohnungsnotfallhilfe verstehen sich als Unterstützung für Personen, deren materielle Ressourcen und individuelle Fähigkeiten – temporär – nicht ausreichen, um die akute Notsituation selbstständig zu bewältigen (Lutz/Simon) und zielen auf die (Wieder-)Herstellung von Autonomie und somatopsychosozialer Integrität, i.d.R. im Modus der (Wieder-)Herstellung der Partizipation an den oben benannten zentralen Institutionen. An dieser Stelle setzt mein Dissertationsprojekt »Subjektivierung in der Wohnungsnotfallhilfe« (Universität Flensburg) an und versucht die Bearbeitung dieser ernsten Fragen (Böhme) in der Wohnungsnotfallhilfe in den Blick zu nehmen. Die Bearbeitung der Selbst- und Weltverhältnisse in Bezug auf die Frage nach intimen Sozialbeziehungen, Erwerbsarbeit und sozialen Netzwerken wird vor dem Hintergrund der biografischen Bedeutsamkeit dieser Institutionen thematisiert. Aus der Theorie-Perspektive transformatorischer Bildungsprozesse (Koller, Kokemohr) wird der Versuch unternommen, Möglichkeitsräume in der Wohnungslosenhilfe zur Veränderung von Selbst- und Weltverhältnissen zu rekonstruieren (Hummrich). Diese Forschungsperspektive ist bemüht, ihren Blick nicht auf die Adressat*innen zu vereinseitigen, sondern Kontinuitäten und Transformationen bei beiden beteiligten Subjekten (Adressat*in und Sozialarbeiter*in) zu beachten. In meinem Beitrag am Bundeskongress Soziale Arbeit möchte ich die theoretischen Bezüge meiner Forschung und einen aktuellen Zwischenstand skizzieren und diese mit den anwesenden Kolleg*innen diskutieren.
2. Einzelbeitrag - Obert. Leben in Abhängigkeiten. Wohnungslose Frauen: Betroffene sexualisierter Gewalt, Adressatinnen Sozialer Arbeit: Sexualisierte Gewalt wird in den Diskursen Sozialer Arbeit vor allem über die Betroffenheit von Kindern und Jugendlichen in Familien und Einrichtungen Sozialer Arbeit thematisiert. Wenig beachtet wurde jedoch bislang die Zielgruppe wohnungsloser Frauen. Auch in der fachlichen Auseinandersetzung mit Wohnungslosigkeit fanden die spezifisch weiblichen Problemlagen, die mit ihr einhergehen, bislang wenig Beachtung. Das Forschungsprojekt, welches in diesem Vortrag vorgestellt wird, ließ wohnungslose Frauen in problemzentrierten Interviews zu Wort kommen. Die rekonstruktive Auswertung, orientiert an der dokumentarischen Methode, konnte aufzeigen, dass es vor allem eine Vielfalt sozialer Abhängigkeiten ist, die wohnungslose Frauen gefährdet, Betroffene sexualisierter Gewalt zu werden. Jene Frauen sind nicht nur durch die fehlende eigene Unterkunft als Lebensmittelpunkt und Rückzugsort besonders bedroht. Auch sind sie häufig gezwungen, in den riskanten Sozialbeziehungen zu verbleiben und sich so der Gefahr weiterer Übergriffe auszusetzen. Wie kann die Soziale Arbeit auf die spezifischen Problemlagen und Bedürfnisse dieser Adressatinnengruppe reagieren? Diese und weitere Fragen werden im Anschluss an die Präsentation der Forschungsarbeit mit den WorkshopteilnehmerInnen diskutiert.