Gewalt in Paarbeziehungen Älterer: Eine Gerechtigkeits- weil Versorgungslücke in der Sozialen Arbeit?!

Datum u. Ort

06.09.2018 - 15:15 bis 16:45

max. Teilnehmer*innen: 36

Raum: B239

Referent*innen

- Dipl.-Soz.Päd. Hildegard Keul-Bogner
- Prof.'in Dr. Regina-Maria Dackweiler
- Dipl.-Soz.Päd. Angela Merkle
- Dipl.-Soz.Päd. Franziska Peters
- Prof.'in Dr. Reinhild Schäfer

Über die Referent*innen:

− Dipl.-Soz.Päd. Hildegard Keul-Bogner, Frankfurt University of Applied Sciences: Tabuisierung von sexualisierter Gewalt gegen ältere Frauen als Dimension sexueller Altersdiskriminierung
− Prof.'in Dr. Regina-Maria Dackweiler
− Dipl.-Soz.Päd. Angela Merkle
− Dipl.-Soz.Päd. Franziska Peters
− Prof.'in Dr. Reinhild Schäfer, Hochschule RheinMain: Niederschwellige Hilfe bei Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer: „Pionierarbeit“ an der Schnittstelle zwischen Altenhilfe/Altenarbeit und dem Unterstützungssystem bei Häuslicher Gewalt

Form

Workshop

Workshop 1,5-stündig

Thema

Solidarität – Gerechtigkeit – Emanzipation: Soziale Arbeit mischt sich ein

Schlagworte

Genderstudies | Gewalt | Alter

Vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass insbesondere psychische Gewalt mit höherem Alter (60+) – unabhängig von sozialstrukturellen Differenzmerkmalen wie Schichtzugehörigkeit und Migration(shintergrund) – in hetero- wie auch in homosexuellen Paarbeziehungen nicht verschwindet, sondern aufgrund verschiedener Faktoren, u.a. Verrentung, chronische Erkrankungen, Altersarmut und soziale Isolation, fortgesetzt bzw. allererst von den Tätern ausgeübt und von den Opfern, angesichts (lebens)langer Paarbeziehungen erduldet wird (Nägele et al. 2010). Obwohl es in Deutschland ein relativ dichtes Netz an Hilfeeinrichtungen bei häuslicher Gewalt gibt, suchen gerade Senior*innen diese in den seltensten Fällen auf. Internationale Forschungsbefunde empfehlen daher für diese Zielgruppe vor allem niederschwellige, d.h. aufsuchende Ansätze (vgl. Kotlenga/Nägele 2013). Vor diesem Hintergrund und gestützt auf Befunde aus zwei empirischen Forschungsprojekten, konkret zum einen „Männer sind anders, Frauen auch? Eine geschlechtssensible Studie zu Sexualität in Einrichtungen der Altenpflege“ (Frankfurt University of Applied Sciences) und zum anderen „Niederschwellige Hilfeansätze bei Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer“ (Hochschule RheinMain), soll im Rahmen des 1½ stündigen Workshops folgende These zur Diskussion gestellt werden: An der Schnittstelle von Senior*innenarbeit/Altenhilfe einerseits und der psychosozialen Fachdienste zu häuslicher Gewalt andererseits scheint im Falle der (sexualisierten) Gewalt in Paarbeziehungen Älterer das unterdessen in der Sozialen Arbeit Handlungsorientierung stiftende Wissen über heteronormative Geschlechterkonstruktionen und die gesellschaftliche Organisation der Geschlechterverhältnisse entweder ausgeblendet oder monopolisiert zu werden. Hierbei erscheinen uns vergeschlechtlichte Altersstereotypen wirksam, die es erlauben, davon zu sprechen, dass an dem Schnittpunkt von Alter, Geschlecht und Gewalt miteinander verschränkte und machtvolle, weil diskriminierende Prozesse des Doing Gender und des Doing Age rekonstruiert werden können. Denn im Blick der Fachkräfte der offenen Altenarbeit sowie der ambulanten und stationären Altenhilfe werden ältere Frauen und Männer häufig entgeschlechtlicht und entsexualisiert (vgl. Helfferich 2017; Schultz-Zehden 2013). Die heterogenen Adressat_innen treten nicht mehr als Subjekte gesellschaftlich organisierter Geschlechterhierarchien und reproduzierter symbolischer Geschlechterordnungen ins Bild, sondern annähernd geschlechtsneutralisiert entweder als konfliktfreie „Best Ager“ oder als asexuelle, eingeschränkt handlungsfähige, hilfe- und pflegebedürftige Klienten (sic!) am „Lebensabend“. Wenn überhaupt, werden ältere Opfer wie Täter von häuslicher Gewalt überwiegend im Horizont der Überforderung in häuslichen Pflegebeziehungen bei demenziellen Erkrankungen thematisiert. Somit bleibt geschlechtsbezogene Gewalt in Paarbeziehungen Älterer im Arbeitsfeld der Altenhilfe/Senior*innenarbeit als soziales Problem verleugnet und damit nicht nur als Versorgungs-, sondern auch als eine Gerechtigkeitslücke verkannt, da es den auf sich selbst gestellten Betroffenen verwehrt wird, ein gutes, weil selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben zu führen. Bei den psychosozialen Hilfe- und Unterstützungseinrichtungen zu häuslicher Gewalt stehen wiederum heterosexuelle Opfer und Täter in deren reproduktiver Lebensphase (< 45) sowie mitbetroffene minderjährige Kinder im Fokus der Aufmerksamkeit. Gleichwohl wissen die Fachkräfte, dass ältere Frauen gleichfalls von (sexualisierter) Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind, jedoch aus Scham und Unkenntnis keine Hilfe suchen. Die bestehende Versorgungs- und Gerechtigkeitslücke wird somit zwar erkannt, doch werden im Sinne der besseren Erreichbarkeit der Betroffenen empfohlene niederschwellige, sozialraumbezogene Hilfeangebote, wie z.B. die Einbeziehung von ehrenamtlichen Lots*innen, gerade in diesem Arbeitsfeld abgelehnt bzw. mit großer Skepsis betrachtet. Die Fachkräfte bewerten die professionelle und institutionalisierte Genderkompetenz, d.h. das Wissen über die Ursachen, Formen und Folgen von Gewalt im Geschlechterverhältnis sowie das Können hinsichtlich von Präventions- und Interventionsstrategien, in diesem Bereich offenbar als besonders schützenswert gegenüber einem denkbaren Engagement von Ehrenamtlichen, vor welchen es das Arbeitsfeld abzuschotten gilt: Den möglicherweise selbst gewalterfahrenen Lai*innen sei das Thema der häuslichen Gewalt nicht zumutbar, den Opfern und Tätern wiederum nicht die naiven bzw. überforderten oder aktionistischen Ehrenamtlichen. Es scheint, als lähme ein Beharren auf das fachliche Monopol von emanzipatorischem Genderwissen und Genderkönnen in den Hilfeeinrichtungen nicht nur die Solidarität mit den von Partnerschaftsgewalt betroffenen älteren Frauen und Männern, sondern auch „die Freude am Weiterdenken und Experimentieren […], die doch den Beginn der feministischen Arbeit gegen Gewalt maßgeblich bestimmt hat“ (Hagemann-White et al. 1997).