Wenn der Wert der Sozialen Arbeit in Frage steht – Zu Nutzungsdisparitäten und der Nicht-Inanspruchnahme Sozialer Arbeit

Datum u. Ort

06.09.2018 - 15:15 bis 18:45

max. Teilnehmer*innen: 36

Raum: B300

Referent*innen

- Stephan Damen
- Jaqueline Kunhenn
- Dr. Thomas Ley
- Dr. Jens Pothmann
- Ines Hiegemann
- Kristin Beer
- Peter Engert
- Alexandra Zein

Über die Referent*innen:

− Moderation & Organisation: Stephan Dahmen (Bielefeld), Jacqueline Kunhenn (Wuppertal), Dr. Thomas Ley (Bielefeld) 6 Beiträge (20 Min. Vortrag plus 5 Min. Nachfragen) und abschließende Diskussion (15 Min.):
In Teil I (15:15 Uhr bis 16:45 Uhr )
− Stephan Dahmen (Uni Bielefeld): Nichtinanspruchnahme sozialer Dienstleistungen – Theoretische Konzepte - methodologische Perspektiven - empirische Herausforderungen.
− Dr. Jens Pothmann (TU Dortmund): Ungleichverteilungen bei der Gewährung erzieherischer Hilfen und mögliche Implikationen für eine Nichtinanspruchnahme
− Dr. Thomas Ley (Uni Bielefeld): „Schwer erreichbare junge Menschen“ im Fokus der Arbeitsmarktpolitik – Wenn Nicht-Inanspruchnahme zum organisationalen Problem (gemacht) wird.
In Teil II (17:15 Uhr bis 18:45 Uhr)
− Jacqueline Kunhenn (Uni Wuppertal): Zur Nicht-Nutzung in der sozialpädagogischen Nutzerforschung.
− Ines Hiegemann/Kristin Beer (Uni Wuppertal): Inanspruchnahme sozialer Dienstleistungen - Bedingungen, Konstellationen und Barrieren aus Sicht der Nutzerforschung
− Peter Engert/Alexandra Zein (Hochschule RheinMain): Hemmnisse und Chancen Sozialer Arbeit in der Interkulturellen Pflegeberatung

Form

Panel, Workshop

"Panel/Workshop" mit übergreifendem Thema über 2 AG-Phasen mit jeweils 3 Beiträgen pro Phase. Die Struktur des 3-stündigen Panels ist so ausgelegt, das auch die 1,5H-Blöcke als stand-alone Veranstaltung besucht werden können.

Thema

Lebensform – Differenzen – Fallkonstruktion: Soziale Arbeit normalisiert

Schlagworte

Nutzungsverhalten | Adressat*innen

Institutionen Sozialer Arbeit sind mit dem Phänomen konfrontiert, dass Personen, die einen formalrechtlichen Anspruch auf eine bestimmte sozialstaatliche Leistung haben, diesen - aus welchen Gründen auch immer - nicht einfordern, nicht in Anspruch nehmen, nicht erhalten oder nicht (mehr) nutzen. Sei es aufgrund fehlenden Wissens über spezifische Angebote seitens der Nutzer, der Nicht-Nachfrage aufgrund mangelnden Interesses, aufgrund von individuellen Hemmnissen oder des Nicht-Erhaltens von Leistungen, welches auf institutionelle Barrieren zurückzuführen sind. Während allgemein bekannt ist, dass längst nicht alle Adressat*innen einer Maßnahme Zugang zu ihr finden, wissen wir bisher noch zu wenig über die subjektiven und institutionellen Gründe für die selektive (Nicht)-Nutzung sozialstaatlicher Leistungen. Bezüglich der Nicht-Inanspruchnahme von monetären Leistungen liegen mittlerweile einige solide Befunde vor; die Erforschung der Nicht-Inanspruchnahme personenbezogener sozialer Dienstleistungen stellt sich aber weitaus komplexer dar und ist mit einer Vielzahl zu beachtender Faktoren verbunden. Anders etwa als bei monetären Leistungen sind diese an Interaktionen gebunden und zielen oft auf die Veränderung von Verhaltensdispositionen – mehr noch: sie bedürfen der „Mitarbeit“ der Nutzer. Zudem ist nicht erst seit dem Aufkommen des aktivierenden Sozialstaats die Inanspruchnahme von sozialstaatlichen Angeboten auch mit spezifischen Verhaltensimperativen oder der Übernahme bestimmter institutioneller Identitäten verknüpft. Eine mögliche Forschungsperspektive auf die Nicht-Inanspruchnahme sozialer Dienstleistungen stellt die sozialpädagogische Nutzerforschung dar. Diese untersucht u.a. solche Bedingungsfaktoren, die die notwendige Passung von Dienstleistungserbringung und Inanspruchnahme aus der Sicht der Nutzer verhindern. Die Inanspruchnahme wohlfahrtsstaatlicher Leistungen ist in der Nutzerperspektive u.a. aufgrund von Scham und Stigmatisierungsangst häufig negativ besetzt, was zu Zugangs- und/oder Nutzungsbarrieren und letztlich sogar zu Abbrüchen von Hilfen führen kann. Diskrepanzen im Interaktionsprozess mit den Professionellen können ebenfalls zu derartigen Beschränkungen führen. Die Nicht-Inanspruchnahme sozialer Dienstleistungen sollte keineswegs ausschließlich als eine bewusste, nutzerseitige Entscheidung „gegen“ das Einlassen auf einen Hilfeprozess verstanden werden: Vielmehr müssen auch implizite (diskriminierende) Formen der Nicht-Gewährung von Hilfen, der „administrativen Exklusion“ von Adressat*innen in den Blick genommen werden. So wird im Fachdiskurs zwar von sogenannten „schwer-erreichbaren“ Adressat*innen gesprochen, welche aber gleichermaßen als Resultat der ihrer Lebensverhältnisse, aber auch der Strukturen und Angebote der Einrichtungen gelesen werden muss. Ferner lassen sich auch aus Ungleichverteilungen bei der Gewährung von Hilfen und Nutzungsdisparitäten mögliche Implikationen für eine Nicht-Inanspruchnahme schließen. Dieser Workshop vereint Beiträge, welche jenseits einer reinen Analyse der Angebotsnutzung oder Maßnahmenevaluation, vielmehr Prozesse, Barrieren und Verlaufskurven der (Nicht)-Inanspruchnahme aus unterschiedlichen (methodologischen) Perspektiven in den Blick nehmen möchte. Dabei stellen sich auf unterschiedlichen Ebenen ganz kontroverse Fragen, die im Rahmen des Workshops behandelt werden sollen: Auf der Ebene der Klienten: Was sind die subjektiven Handlungsgründe für die Nicht-Inanspruchnahme sozialer Hilfen? Welche subjektiven Umdeutungsprozesse gehen der Entscheidung voraus, Hilfe (nicht) in Anspruch zu nehmen? Auf der Ebene der professionellen Interaktion: Welche Rolle spielen spezifische professionelle Arrangements für die Nicht-Inanspruchnahme/Nicht-Nutzung von Hilfen? Auf der Ebene der Organisation: Welche Faktoren auf Seiten der Organisation spielen bei der Nicht-Inanspruchnahme einer Hilfe und bei Nutzungsdisparitäten eine Rolle?