Soziale Arbeit im Schatten des Sozialstaats. Von der De- und Re-Regulation des Sozialen

Datum u. Ort

06.09.2018 - 09:15 bis 12:45

max. Teilnehmer*innen: 90

Raum: E4

Referent*innen

- Brigitte Aulenbacher
- Philipp Sandermann
- Holger Schoneville
- Moderation: Fabian Kessl, Marie Frühauf und Sarah Henn

Über die Referent*innen:

− Brigitte Aulenbacher (Linz): Aus dem Schatten des Sozialstaats in das Licht des Marktes? Care als "fiktive Ware" am Beispiel der 24-Stunden-Betreuung in Österreich
− Philipp Sandermann (Lüneburg): Schatten oder Ausdifferenzierung des Wohlfahrtsstaats? Die Etablierung von Ombudsstellen in der Kinder- und Jugendhilfe
− Holger Schoneville (Dortmund/Wuppertal): (Nicht-)Anerkennung im Schatten des Sozialstaats – ein Blick in die Nutzungspraxis der „neuen Mitleidsökonomie“
− Moderation: Fabian Kessl, Marie Frühauf und Sarah Henn

Form

Workshop, Symposium

Workshop über zwei AG-Phasen / Symposium (2 x 90 Minuten + 30 Minuten Pause)

Thema

Planung – Steuerung – Kontrolle: Soziale Arbeit verwaltet

Schlagworte

Sozialstaat

Der bundesdeutsche Sozialstaat hat in den vergangenen Dekaden, wie fast alle Wohlfahrtsregime weltweit, eine massive Veränderung erlebt. Im Lichte der wissenschaftlichen Reflexionen und der fachpolitischen Diskussionen dieses Umbaus des vormaligen Sozialstaats ist ein Phänomen allerdings bisher weitgehend unbeachtet geblieben: Im Schatten der etablierten Sicherungs-, Versorgungs- und Dienstleistungsstrukturen wurden nicht- oder de-institutionalisierte und de-professionalisierte Angebote in großer Zahl aufgebaut. Diese Angebote unterlaufen – erstens – formal weiterhin bestehende Leistungsrechte; verändern – zweitens – grundlegend die dortigen Erbringungsverhältnisse und sind zugleich – drittens – eng an die institutionalisierten Angebotsstrukturen des Sozialstaats angebunden. So haben z.B. die Angebote einer neuen Mitleidsökonomie (Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern u.a.) in den vergangenen zwanzig Jahren eine immense Konjunktur erfahren, und versorgen inzwischen Millionen von Menschen in Deutschland mit Elementargütern, weitgehend auf Spendenbasis. Auf diese Gaben besteht aber kein Recht wie auf regelhafte sozialrechtliche Sicherungs-, Versorgungs- und Dienstleistungen. Ganz im Gegenteil: Die Nutzer_innen sind von der Loyalität der Helfer_innen abhängig, was das Erbringungsverhältnis zwischen ihnen auch deutlich prägt. Die absolute Mehrheit dieser Angebote sind aber dennoch von etablierten Trägern sozialstaatlicher Leistungen (v.a. Wohlfahrtverbände) getragen oder an diese institutionell angebunden. Während Leisering/Vitić mit der Figur des „Schattens“ des Sozialstaats nach dem Einfluss sozialstaatlicher Regulationslogiken in den privaten Markt fragen, fasst Gottschalk unter dem Begriff des „shadow welfare state“ das, insbesondere in den USA ausgeprägte, Phänomen privater Sicherungsstrukturen, jenseits der öffentlich organisierten Sozialversicherung. Mit dem hier präferierten Begriff des „Schatten des Sozialstaats“ wird an beide Deutungen angeschlossen, der Fokus der Analyse aber in alternativer Weise ausgerichtet. Das Phänomen, das damit in den Blick gerückt wird, ist das Erstarken von Phänomenen, die ‚hinter‘ sozialrechtlich garantierten Leistungen zur basalen Bedürfnisorientierung oder/und zur Substitution fehlender Betreuungsangebote aufgebaut werden, resp. deren Auf- und Ausbau eine Dynamik befördert, mit der bisherige sozialstaatliche Leistungsrechte geschwächt oder sogar ausgehöhlt werden. Neben den Angeboten der neuen Mitleidsökonomie (Tafeln, Kleiderkammer, Sozialkaufhäuser) finden sich im Schatten des Sozialstaats in wachsendem Maße Organisationen einer Schattenökonomie, quasi-privatisierte Sorgestrukturen (z.B. Kindertagespflege, internationale Pflege-Regime) oder ehrenamtliche Unterstützungsstrukturen (z.B. Flüchtlingshilfe). Vielfach als zivilgesellschaftliches Engagement und als Alternativen zu institutionalisierten Angeboten positiv überhöht, bleibt die sozialstaatliche Schattenfunktion dieser Hilfs- und Sorgeangebote in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unbeobachtet. Im Symposium wird am Beispiel solcher Phänomene die Logik dieser Praxis, die als „Schatten des Sozialstaats“ in den vergangenen Jahren verstärkt platziert wird, herausgearbeitet und auf seine gesellschaftstheoretischen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen hin analysiert. Damit kann auf ein bisher wenig beleuchtetes Phänomen der gegenwärtigen Transformation des bisherigen Wohlfahrtsstaats aufmerksam gemacht werden, das gerade in den Feldern Sozialer Arbeit eine De- und Re-Regulation des Sozialen und damit auch eine Verschiebung des „Werts des Sozialen“ mit sich bringt.